Über Stock und Stein mit Baby auf dem Rücken? Das haut hin, dachte unsere Autorin. Sie plante eine Wanderung und fand ein Paradies.

Foto: Sigrid Reinichs

Als er mir das blaue Tragegestell in die Hand drückt, kann sich mein Schwiegervater eine Warnung nicht verkneifen: „Wollt ihr wirklich beim ersten Mal schon so weit wandern? Das kann für Aaron ganz schön anstrengend werden. Was macht ihr, wenn er in der Kraxe nicht so lange durchhält?“

Mein Mann Josef und ich beschwichtigen ihn. Der Kleine ist immerhin zehn Monate alt und kann schon länger sitzen. Und dass wir bisher alle Ausflüge nach einer Stunde abbrechen mussten, lag nur an unserer blöden Bauchtrage, in der Aaron nichts sehen konnte und sich furchtbar langweilte. Das wird nun alles anders, weil der liebe Opa uns seine Kraxe leiht. Hoffen wir. Insgeheim können wir seine Zweifel verstehen, wir glauben uns ja selbst nicht ganz.

Wenn wir früher wandern gingen, war die Rollenverteilung nämlich immer ziemlich einseitig: Unsere bergerfahrenen Väter haben frühmorgens das Wetter im Teletext abgerufen, die Route geplant, den schweren Rucksack geschultert und uns auch dann noch stundenlang bei Laune gehalten, wenn wir schon am Parkplatz bockig waren. Mit lustigen Reimen, spannenden Geschichten und sportlichen Wetten lockten sie uns irgendwie bis zur Hütte. Zum Dank durften sie dort die Berge von Spätzle, Knödel und Kaiserschmarrn verputzen, die wir in unserer Gier bestellt und natürlich nicht aufgegessen hatten. Selbst als wir älter wurden und man uns nicht mehr ständig bespaßen musste, lag die Verantwortung für die Planung nie bei uns.

Doch jetzt sind wir selbst Eltern und können unser Wochenende frei gestalten. Wir wollen hinaus in die raue Natur und weg von den ausgetrampelten Waldspazierwegen. Wir wollen uns endlich wieder körperlich anstrengen und nicht nur jene Muskeln spüren, die man zum Schieben des Kinderwagens braucht. Weil der schöne Frühsommer keine Ausrede mehr gelten lässt, wird es Zeit: für unsere erste Kleinfamilienwanderung mit Übernachtung auf einer Hütte.

Dorthin, wo die Bären baden

Stundenlang wälze ich Broschüren des Alpenvereins und schaue mir die Websites von Dutzenden Häusern an. Mein Favorit ist die Anton-Karg-Hütte im Tiroler Kaisertal: Hier könnte man Heimatfilme drehen, so idyllisch steht das Bergsteigerhaus am Hang; mitten im Naturschutzgebiet des Wilden Kaisers. Direkt daneben liegt das Hinterbärenbad, ein Bach, in dem sich früher die Braunbären gekühlt haben sollen. Mit diesem zuckersüßen Anblick brechen nur die mächtigen Gesteinsmassen des zahmen und des wilden Kaisers, die im Hintergrund bedrohlich in die Höhe ragen.

Foto: Sigrid Reinichs

Frau Kraisser, die Wirtin, erklärt mir am Telefon den sichersten Weg zur Hütte und reserviert uns ein ruhiges Familienzimmer. Das Haus trägt das Siegel „Mit Kindern auf Hütten“ – Spielsachen, Hochstuhl und Gitterbettchen stehen für uns bereit. Auch ein bisschen Kinderlärm wird niemanden stören. Und noch ein Siegel stimmt mich froh: „So schmecken die Berge“ verheißt nur Gutes. Knödel und Kaiserschmarrn, wir kommen!

Unser Enthusiasmus wird etwas gebremst, als wir den Aufstieg ins Kaisertal beginnen. Alles ist anstrengender als gedacht. Josef jammert, dass ich unseren Tramper-Rucksack viel zu voll gepackt habe. Ich habe nicht nur mehrere Garnituren Kleidung, Spielsachen und Breie für Aaron eingepackt; auch einige alpine Accessoires muss Josef tragen. Mein Vater hat uns sein Fernglas geliehen, falls wir Gämsen oder Rehe beobachten wollen. Dass ich stattdessen aber das Funktions-Shirt und die Wanderhose im Auto gelassen habe, bereue ich jetzt. Wir steigen zwanzig Minuten lang einen Stufenweg hoch und mit meinen Jeans schwitze ich wie in der finnischen Sauna. Nur einer hat richtig Spaß: Aaron strampelt wild mit den Beinen, schreit vor Freude und zieht mich aufgeregt an den Haaren.

Schatzsuche in der dunklen Höhle

Als der Weg endlich eben wird und wir im kühlen Wald verschnaufen, mache ich etwas, womit mich mein Vater immer genervt hat: Ich lese eine Infotafel. Und finde heraus, dass wir in zehn Minuten bei der Tischofer Höhle sein könnten, wenn wir eine kleine Extratour einlegen. In dieser Höhle fanden Archäologen vor über hundert Jahren haufenweise Bärenknochen, menschliche Gebeine und Werkzeuge aus der Bronzezeit. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon haben die Tiroler Schützen dort ihre Waffen versteckt. Das wollen wir uns ansehen. Weiter zu wandern als unbedingt nötig – auch eine neue Erfahrung für uns. Der steile Schotterweg zur Höhle ist ziemlich rutschig und Josef gerät vor mir immer wieder leicht aus dem Tritt. Ich sehe uns schon alle drei in die Tiefen der Sparchenklamm stürzen. Wir gehen noch langsamer und noch vorsichtiger. Denn wir sind jetzt selbst für unsere Sicherheit verantwortlich. Nachdem wir die dunkle Höhle nach Bärenknochen abgesucht haben und Aaron die nasskalte Felswand zu seiner Zufriedenheit betatscht hat, wird er in der Kraxe langsam unruhig.

Zeit für einen Pausenbrei auf der grünen Wiese. Unser mitgebrachter Breiwärmer ist zwar nicht leicht, aber praktisch: Wie bei einem Handwärmer setzt man mit einem Klick die Hitze frei und das Karotte-Kürbis-Mus wird genießbar. Zur Nachspeise stopft sich Aaron zufrieden Pusteblumen in den Mund. Und wir versuchen, wenigstens ein paar der bunten Wiesengewächse zu benennen, die um uns herum blühen. „Löwenzahn … Rotklee und äh … Vergissmeinnicht!“ Eine traurige Veranstaltung. Noch schämen wir uns nur vor uns selbst, irgendwann wird Aaron aber genau wissen wollen, wie der grünschwarze Käfer da heißt und ob man diese rote Beere essen kann. Fragen, auf die unsere Väter immer eine Antwort hatten.

Runter von den Wegen

Foto: Sigrid Reinichs

Wir merken, was beim Wandern wichtig ist: Neugierig sein und spontan bleiben. Darum brauchen wir auch doppelt so lange wie ursprünglich geplant. Alle paar Meter bleiben wir stehen, weil wir für Aaron Blätter und Stöcke aufsammeln oder einer starr gefrorenen Schlange beim langsamen Wegschleichen zusehen. Wir genießen es, dass wir keinen Zeitdruck haben, verlassen den Forstweg und erkunden das parallel verlaufende Bachbett. Ich lasse Steine hüpfen und Aaron stapft an meiner Hand vergnügt durchs kalte Wasser. Davon ist seine Hose aber nicht so nass geworden – nein, seine Windel ist ausgelaufen. „Macht nichts, du hast ja seinen halben Kleiderschrank eingepackt“, sagt Josef fast ohne Zynismus.

Die letzten Meter zur Hütte sind eine Tortur. Die Zehen brennen, vom schweren Tragen ist der ganze Rücken verspannt und wir haben niemanden dabei, der uns mit spannenden Geschichten davon ablenken könnte. Als wir endlich nach der letzten Kurve aus dem Wald treten und die Hütte vor uns sehen, sind wir im Glückstaumel. Die Erschöpfung ist größer als der Hunger, wir reißen uns die Bergschuhe von den Füßen und werfen uns alle drei ins rotkarierte Federbett.

Die Zeit ist stehen geblieben

Als wir uns wieder bewegen können, bestellen wir kräftige Nudelsuppe und Spinatknödel mit Parmesan. Frau Kraisser steht persönlich in der Küche, auch ihre Tochter arbeitet am Wochenende mit. Für uns ist das Hinterbärenbad ein Paradies ohne Mühen. Wir sind wieder zehn Jahre alt: Schaukeln so hoch wir können und erkunden den Kletterstein unterhalb der kleinen Kapelle. Josef balanciert trotz seiner Höhenangst auf einem Seil über den Kaiserbach.Und Aaron darf auf den geduldigen Eselinnen Emma und Vali reiten; obwohl er sie ständig an den Ohren zieht. Ich bin ein bisschen wehmütig, dass er nicht schon größer ist, denn dann könnte er in dem einladenden kleinen Holzbecken am Bach plantschen. Aber die Hütte mit ihren vielen Geheimnissen gefällt ihm auch so und die Höhenluft tut ihm gut: Seinen Milchbrei verschlingt er wie ein hungriger Minenarbeiter

Foto: Sigrid ReinichsAls es einen Wolkenbruch gibt, sitzen wir abgekämpft aber zufrieden im geschützten Anbau der Hütte und lauschen dem Regen, der gegen die Scheiben prasselt. Einige hartgesottene Wanderer kommen jetzt erst an, sie sind für das schlechte Wetter perfekt ausgerüstet und tragen natürlich keine Jeans. In der beheizten Stube versammeln sich nach und nach alle Gäste zum Abendessen. Es sind keine vollbärtigen, wortkargen Alpinisten; stattdessen junge Paare, die bei einem Glas Weißwein eine Runde Karten spielen. Auch für uns ist es Zeit für Zweisamkeit; wir sind jetzt wieder Erwachsene, die in Ruhe essen wollen.

Darauf müssen wir aber warten bis Aaron endlich eingeschlafen ist. Er liegt dank seines Bettgitters zwar absolut sicher, aber die Umgebung ist ungewohnt und er wird immer wieder wach. Wir hätten das Babyphon auch noch hochschleppen sollen, denke ich mir und sehne mich nach meinem Kaiserschmarrn, der in der Küche warmgestellt ist. Mit vollen Bäuchen sinken wir schließlich schon um neun in unsere Betten. Die Nacht wird eiskalt, wir schlottern selbst in Fleece-Pullovern und Skiunterwäsche. Auch Aaron ziehen wir immer noch mehr Schichten an, bis er nur noch ein kleiner, dicker Wäscheball ist.

Wir wollen nochmal wandern

Am nächsten Morgen entschädigt uns das „Bärenfrühstück“ in der gemütlichen Stube für die Kälte. Aaron kaut begeistert an seinem ersten Tiroler Butterbrot und krabbelt fröhlich über den sauberen Holzboden. Deftige Käsebrote und süßer Kräutertee machen uns Tragetiere fit für den Marsch zurück ins Tal. Der Abschied von der Hütte fällt uns schwer, wir trösten uns damit, dass wir bald wiederkommen wollen. Der kleine Prinz schläft fast auf dem ganzen Weg mit dem Kopf nach vorne gebeugt in der Kraxe. Als wir seinem Opa die Trage zurückbringen, zeigen wir ihm stolz den roten Fleck auf Aarons Stirn: „Er hat die ganze Zeit selig geschlafen. Wir kaufen uns jetzt eine eigene Kraxe und gehen öfter wandern.“ Offenbar war das ein Schlüsselsatz, denn mein Schwiegervater holt daraufhin ein eng beschriebenes Büchlein mit verblichenen Fotos hervor. Mit verträumtem Blick blättert er in seinem Tourenbuch und schwärmt von seinen ersten Abenteuern in den Bergen. So ist das, wenn Wanderer unter sich sind.

Foto: Sigrid Reinichs